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  • Marietheres

Die Phasen der Sprachentwicklung Teil 1: Gespräche am Wickeltisch (0 bis 6 Monate)

Aktualisiert: Mai 28

Mein kleiner Sohn liegt zufrieden auf seiner Decke und erzählt in den höchsten Tönen seine Silben. Variiert wird dabei kräftig zwischen ei-ei-ei, ey-ey-ey und vielen mehr. Auch mit der eigenen Spucke lässt es sich herrlich sprudeln und die schönsten Geräusche entstehen. Ihm dabei zuzusehen, wie er fleißig mit allen Lauten, die er erzeugen kann, experimentiert, ist faszinierend. Es ist die erste Phase in der Sprachentwicklung, die in der Literatur als „Erste Lallphase“ bezeichnet wird. [1]



Ein Hörgenie im Bauch

Doch eigentlich beginnt das Ganze schon viel früher, denn um an diesen Punkt zu kommen, tut das Baby so einiges und man gerät ins Staunen, welches kleine Genie vor einem liegt. Geht man in die Schwangerschaft zurück, so ist das Ohr das erste Sinnesorgan, welches bereits mit Ende des fünften Monats voll funktionsfähig ist. Mit dieser Voraussetzung entwickelt sich der Fötus zu einem kleinen Hörgenie. Zum einen hört er anhand der mütterlichen Organgeräusche wie die Stimmung und das Befinden seiner Mutter ist und baut darüber eine intensive Bindung zu ihr auf. Zum anderen hört er über die Knochenleitung der Mutter besonders intensiv deren Stimme.[2] Was die Mutter da alles erzählt, ist ihm nicht so wichtig. Nein, er konzentriert sich vor allem auf die Musik ihrer Stimme, ihren Rhythmus, ihre Sprechmelodie, wann sie ein Pause einlegt, wie sich die Tonhöhe verändert usw. Daran bemerkt er sogar Gesetzmäßigkeiten, die immer wiederkehren. Er studiert diese so genau, dass er nach der Geburt in der Lage ist aus 100 Stimmen mit völliger Sicherheit, die seiner Mutter zu erkennen. Und es geht noch weiter. Dieser kleine Mensch kann sogar seine Nationalsprache von einer anderen unterscheiden und auch sein Schreien ist bereits von der Nationalsprache geprägt.[3]

Kommunikation vom ersten Moment an

In den ersten Monaten nach der Geburt hat das Kleine viele Aufgaben zu bewältigen, die vor allem damit zutun haben , sich an die neue Welt anzupassen. Doch „sprachlich aktiv“ ist es vom ersten Tag an. Dies geschieht zunächst vor allem durch Schreien und Weinen. Doch schon dabei setzt es diese unterschiedlich ein. So kann die Bezugsperson anhand des Schreiens erkennen, ob das Baby Hunger hat, Kontakt sucht oder nachts mit zarten Geräuschen um die Brust bittet. [4] Mit dem dritten Lebensmonat beginnt nun der Kehlkopf sich immer weiter in den Rachen abzusenken. Dadurch wird Platz im Mund und Rachen für mehr Geräusche als nur Schreien. Ein Resonanzraum entsteht und dieser wird intensiv erkundet und genutzt. Noch vielfältiger werden die Klänge wenn die ersten Zähne dazu kommen.

Faszinierend ist, dass der Säugling dabei noch keineswegs die Laute aus seiner Sprachumgebung imitiert. Nein er experimentiert und die Geräusche die dabei entstehen, ähneln sich bei den Babys aus ganz unterschiedlichen Ländern. In diesem Stadium sind die Kleinen noch offen für sämtliche Sprachen dieser Welt. Sie sind sogar in der Lage in den verschiedensten Sprachen unterschiedliche Laute zu unterscheiden, sogar bei den Sprachen die aus den verschiedensten Klicklauten bestehen, die ein Erwachsener kaum unterscheiden kann.[5]


Das Baby erforscht unsere Sprache

Um sich seiner Muttersprache weiter anzunähern, braucht es weiterhin ein Sprachvorbild, an dem es forschen kann. Doch was genau erforscht es nun? Genau das, was ihm in der Zeit der Schwangerschaft verborgen blieb. Dies betrifft vor allem alle Dinge die beim Sprechvorgang sichtbar werden. Im Bauch hat es sich voll und ganz dem Hören gewidmet. Nun verbindet es dieses mit dem was es dazu sieht. Dafür braucht es den „Dialog“ den es regelrecht herausfordert, indem es mit allem was es aufzubieten hat dem Erwachsenen eine Reaktion entlockt. [6] Zunächst studiert das Baby dabei das Mienenspiel der Bezugsperson. Aber was genau lernt es dabei? Es lernt den Zusammenhang kennen zwischen Sprachmelodie und der Mimik sowie der Emotion die dazugehört. Und noch etwas studiert es bei seinen Zwiegesprächen: die Lippen. Diese sind das einzige Organ wo man sehen kann, wie die Laute gebildet werden. Und es studiert unsere Lippenbewegungen so intensiv, dass es ohne Ton erkennen kann, ob es die eigene Muttersprache ist oder nicht. [7] Sogar die Zunge „hört“ mit und bewegt sich beim Zuhören. Denn wie Forscher herausgefunden haben, wird Sprache nicht einfach wahrgenommen und im Gehirn abgespeichert. Nein sie wird mit dem gesamten Körper wahrgenommen, indem er durch feinste Bewegungen auf Gesprochenes reagiert. Und so bewegt sich sogar die Zunge des Säuglings mit, wenn es zuhört.[8]


Unsere Aufgabe als Sprachvorbild

Bei diesen umfangreichen und höchst faszinierenden Studien, die das Kleine im Zuge seiner Sprachentwicklung betreibt, wird klar, dass wir als Eltern hierbei eine wichtige Rolle haben. Wir sind das Sprachvorbild und anhand dessen lernen unsere Kinder sprechen. So ist es unsere erste Aufgabe mit unserem Baby ins Gespräch zu kommen. Dazu eignet sich jede Situation in der das Baby die volle Zuwendung erfährt. Im Alltag ist das gar nicht so leicht. Doch eine Situation, in der wir uns voll dem Baby widmen, bleibt und das ist das Gespräch am Wickeltisch. Diese Zeit verbringen wir mehrmals täglich mit unserem Säugling und kann intensiv genutzt werden. Zum einen wird es das Baby lieben, weil es von uns intensive Zuwendung erfährt und zum anderen hat es nun Gelegenheit seinem Forschungsdrang nachzukommen. Nun könnte man sich die Frage stellen, wie man mit dem Kind sprechen muss um dem allen gerecht zu werden. Dies hat die Natur jedoch clever eingerichtet. Denn wie sich in Forschungsergebnissen gezeigt hat, verfügen wir alle über die sogenannte „Ammensprache“. Wir sprechen also automatisch melodischer, höher und mit großem Einsatz unserer Mimik, wenn wir mit kleinen Kindern ins Gespräch kommen. [9] Mehr braucht unser Baby eigentlich gar nicht. Wichtig ist nur, sich immer wieder klar zu machen, dass wir das Sprachvorbild sind. Es nützt also nichts, wenn wir genau wie das Baby einfach nur Laute von uns geben, weil es niedlich ist. Wir müssen dabei schon richtig sprechen. [10]

Und was erzählen wir mit unserem Kind? Das ergibt sich meist von allein, aus der Lust am Gespräch miteinander. Zum anderen können wir alle Schritte, die wir an unserem Kind ausüben verbalisieren. Das Baby spürt dadurch wie wir jeden Schritt bewusst gehen und beginnt allmählich das Gesprochene mit unserer Handlung zu verbinden—es beginnt zu verstehen. Ganz nebenbei können wir mit unserer Ammensprache auch beeinflussen wie viel Lust unser Kind auf Wickeln und Anziehen hat. Wenn das Kind zum Beispiel das Anziehen so gar nicht mag, dann hilft es, wenn wir zum Beispiel ganz fröhlich das Anziehen mit unseren Worten begleiten. Das überträgt sich auf das Baby und der Pullover ist schneller über dem Kopf als gedacht. Gut ist es auch die Erklärungen einfach und kurz zu halten. Wenn sie gar so ausführlich sind, verlangt das viel Aufmerksamkeit vom Baby und auch die muss sich erst entwickeln.





Quellen

[1] Dhorn, C. 2002 S.10ff.

[2]Patzlaff, R. 2017 S.119

[3]ebd. S.128f.

[4]ebd. S.178f.

[5]ebd. S.196ff.

[6]ebd. S.188f.

[7]ebd. S.190f.

[8]ebd. S.199ff.

[9] ebd. S.184ff.

[10] Pickler, E. 2013 S.82ff.


Literatur:

Dhorn, Christel: Spiel mit mir Sprich mit mir. Spiele zur Sprachentwicklung vom Kleinkind bis zum Grundschulalter. Verlag freies Geistesleben. Stuttgart. 2002


Patzlaff, Rainer: Sprache das Lebenselixier des Kindes. Moderne Forschung und die Tiefendimension des gesprochenen Wortes. Verlag freies Geistesleben. Stuttgart. 2017


Pickler, Emmi: Friedliche Babys zufriedene Mütter. Pädagogische Ratschläge einer Kinderärztin. 2013. 4. Auflage. Verlag Herder GmbH. 2013


Wendlandt, Wolfgang: Sprachstörungen im Kindesalter. Thieme Verlag. 1995

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