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  • Marietheres

Die Phasen der Sprachentwicklung Teil 2: Der große Moment der ersten Wörter (6 bis 12 Monate)


Das Kind wendet sich der Muttersprache zu

Nachdem das Baby das erste halbe Jahr damit zugebracht hat die Sprache seiner Umgebung in verschiedener Weise zu studieren und kräftig mit den Klängen in seinem Mund zu experimentieren, ist nun der Zeitpunkt gekommen, wo es sich aktiv seiner Muttersprache widmet. Es konzentriert sich jetzt also auf die Laute, die in seiner Umgebung vorkommen und beginnt auch mit diesen zu experimentieren. Während es nun seine Wahrnehmung so gezielt auf etwas richtet, verschwindet allmählich die Fähigkeit in allen Sprachen dieser Welt zuhause zu sein, wie es im ersten halben Jahr der Fall war.



Aus Silben werden erste Worte

Jetzt begibt sich das Kleine in den mühsamen Prozess, die Laute die es in seiner Umgebung hört genauso mit den eigenen „Werkzeugen“ bilden zu können. Dieser Prozess ist anstrengend, denn zum einen müssen die Laute aus einem Strom von Wörtern richtig gehört werden und zum anderen muss es Rachen, Mund, Lippen Zunge und den Luftstrom so einsetzen, dass genau dieser Laut entsteht. So liegt es nun zufrieden da und gurrt nicht mehr nur vor sich hin sondern erzählt in Silben wie ba, be, ma usw. Und diese werden mit der Zeit dann verdoppelt zu baba, gaga und allen möglichen Varianten, die sich für einen kleinen Sprachforscher ergeben. Zwischen dem zehnten und zwölften Monat entstehen richtige „Lallmonologe“ wie zum Beispiel „gagelga“ usw. und schließlich verzückt es meist um den ersten Geburtstag seine Eltern mit den Worten „Mama“, „Papa“ oder "nein", "heiß" usw.- natürlich geschieht das bei jedem Kind individuell. Wenn ihr dabei euer Kind einmal beobachtet so geschieht das meist zu dem Zeitpunkt wo es sich aufgerichtet hat und allmählich zu laufen beginnt. Dies ist kein Zufall sondern hängt damit zusammen, dass das Kind im ersten Lebensjahr vor allem damit beschäftigt ist, zunächst Herr seines Körpers und dessen Bewegungen zu werden. Erst wenn es das geschafft hat, kann es sich ganz aktiv dem Sprechen zuwenden. Während es also vorher fleißig geübt hat, beginnt es ca. ab dem 10. Monat seine Äußerungen mit Bedeutung zu füllen wie zum Beispiel wenn es „Mama“, „Wau wau“ usw. sagt. Jetzt baut sich auch fleißig der Wortschatz auf, also Wörter die das Kind in ihrer Bedeutung schon versteht. Es reagiert auf seinen eigenen Namen und versteht auch bereits einfache Aufträge z.B. „Gib mir den Teddy“. Mit ca. einem Jahr spricht das Kind bereits zwei bis zehn Wörter in der typischen Kindersprache z.B. "Wauwau" für Hund oder "Mimi" für Katze.







Unsere Aufgabe in dieser Sprachentwicklungsphase

Zunächst ist es die gleiche Aufgabe wie schon in der ersten Phase. Wir sind das Sprachvorbild- jetzt umso mehr wo es sein Augenmerk nun direkt auf unsere Sprache richtet. Wenn man das Kind einmal dabei beobachtet wie es sich geschickt seine Muttersprache aneignet, so sieht man auf faszinierende Art und Weise, dass es sich genau diesen Input sucht, den es gerade für seine Entwicklung braucht. Wir müssen also gar nicht krampfhaft überlegen wie, mit welchen Sätzen oder welchem Material wir die Sprachentwicklung unseres Kindes fördern können. Nein wir müssen nur eins machen: Gelegenheiten zum Sprechen schaffen, aufmerksam zuhören und unser Kind zum Erzählen ermuntern und selbst ein gutes Sprachvorbild sein.




Gelegenheiten zum Sprechen


Der Wickeltisch als Gelegenheit zum Sprechen

Diese Gelegenheit, wie schon im ersten Teil beschrieben, bleibt uns auch weiterhin erhalten. Jetzt machen die "Gespräche" aber nochmal so viel Spaß, denn euer Kind versteht immer mehr was ihr von ihm wollt. Und so werdet ihr staunen, auf was es so alles reagiert, wenn ihr es dazu auffordert. Zum Beispiel könnt ihr euer Kind bitten, den Arm in den Body zu stecken oder die Füße in die Strumphose zu bekommen. Natürlich geht das noch nicht so reibungslos, aber es ist erstaunlich, wie fleißig euer Kleines mithilft.

Auch Reime und Lieder bieten sich beim Wickeln immer wieder an. Dabei könnt ihr zum Beispiel eine Babymassage oder das Waschen mit einem Reim oder Lied verbinden.


Gespräche im Alltag

Im Alltag gibt es jede Menge Gesprächsanlässe- egal ob es die Baustelle auf dem Weg zum Bäcker ist, die Spielekiste zuhause mit den vielen Kuscheltieren oder ein Foto. Auch Aufforderungsspiele mögen die Kleinen, z.B. Gib mir einmal den Teddy, Gib mir das kleine Buch... Oft entsteht das Gespräch im Alltag ganz allein, weil das Kind auf etwas zeigt und wissen möchte wie es heißt oder selbst, zu dem was sieht, erzählt. Unsere Aufgabe besteht vor allem darin, dafür wachsam zu sein und darauf einzugehen.


Bilderbücher anschauen als gemeinsame Kuschelzeit

Jetzt kann man damit beginnen, gemeinsam Bilderbücher anzuschauen. Sie eignen sich gut, weil die Bilder für das Kind überschaubar sind. Für Vorlesegeschichten ist es noch zu klein. Aber das, was ihr mit eigenen Worten über die Bilder erzählt, entspricht genau dem, was euer Kind für seine Entwicklung braucht. Bilderbücher gibt es in allen möglichen Varianten. In diesem Alter sollten die Bilder noch überschaubar sein z.B. pro Seite ein Bild. Auch ist es sinnvoll solche Bilder zu nehmen die etwas mit dem Alltag des Kindes zutun haben z.B. Tiere, Baustelle usw.

Schön ist es, wenn so etwas zum Ritual wird wie zum Beispiel am Abend. Es wird dadurch zu einem festen Bestandteil in eurem Alltag und das sorgt dafür, dass ihr euch ganz bewusst dafür Zeit nehmt. Wie ihr das Bilderbuch gemeinsam anschaut ist euch überlassen. Daür gibt es sehr viele Möglichkeiten. Zum Beispiel kann man sich eine Geschichte zu den einzelnen Bilder ausdenken, die man dem Kind erzählt. Schön ist auch, wenn zum Beispiel die Erlebnisse vom Tag noch einmal mit dem Buch erzählt werden, dann hat euer Kind einen ganz besonderen Bezug zu dieser Geschichte. Manchmal beginnt euer Kleines auch von ganz allein auf die Bilder zu zeigen und etwas dazu zu sagen, dann müsst ihr dies nur aufgreifen. Eine andere Möglichkeit ist auch, das Kind zu fragen, was es sieht. Allerdings finde ich diese Variante immer etwas einseitig. Für Fantasie ist da wenig Platz und besonders schwierig wird es, wenn es allein zu einem Abfragespiel wird. Aber meist ergibt sich das Gepräch zu den Bildern von ganz allein.

Für das Kind wird ein solches Ritual auch deshalb so besonders, weil es mit viel Zuwendung und Kuschelzeit verbunden ist. Und in keiner Situation kann ein Mensch besser lernen, als wenn er sich rundum wohl und geborgen fühlt.


Literatur

Dhorn, Christel: Spiel mit mir Sprich mit mir. Spiele zur Sprachentwicklung vom Kleinkind bis zum Grundschulalter. Verlag freies Geistesleben. Stuttgart. 2002


Patzlaff, Rainer: Sprache das Lebenselixier des Kindes. Moderne Forschung und die Tiefendimension des gesprochenen Wortes. Verlag freies Geistesleben. Stuttgart. 2017


Pickler, Emmi: Friedliche Babys zufriedene Mütter. Pädagogische Ratschläge einer Kinderärztin. 2013. 4. Auflage. Verlag Herder GmbH. 2013


Wendlandt, Wolfgang: Sprachstörungen im Kindesalter. Thieme Verlag. 1995

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