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  • Maren

Gelassen durch die Trotzphase Teil 1

Aktualisiert: Jan 12

Was bedeutet Trotz eigentlich?

Wir sind gut gelaunt in einem Supermarkt und erledigen unseren Wochenendeinkauf. Irgendwann betreten wir einen Gang, in dem es Spielwaren zu kaufen gibt. Eine Puppe mit Schnuller fesselt sofort die Aufmerksamkeit meines Kindes und es ist der Meinung, diese haben zu müssen. Alles gute Zureden funktioniert nicht, denn es WILL jetzt diese Puppe. Mein klar und deutliches NEIN scheint nicht zu funktionieren und es beginnt ein wütendes Schreikonzert. Das ein oder andere Kind würde sich an dieser Stelle vielleicht noch auf dem Boden wälzen und seinen Willen intensiv kund tun. Die anderen Passanten werfen uns mitleidige bis verärgerte Blicke zu und nicht selten fühlt sich eine vorbeigehende Person dazu ermächtigt uns mitzuteilen, dass es so etwas zu ihrer Zeit nicht gegeben hätte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt reißt dem ein oder anderen von uns dann doch der Geduldsfaden oder man fühlt sich innerlich als komplett Versager, was die Erziehung der Kinder betrifft.


Das ist wohl der absolute Klassiker, den man sich unter der sogenannten Trotzphase horrormäßig vorstellt.

Von einem auf den anderen Tag beginnt sich unser süßes, kleines Baby zu einem ICH- WILL ABER – Kind zu entwickeln und zeigt uns nun deutlich, dass es mit den ein oder anderen Entscheidungen von uns ganz und gar nicht einverstanden ist.

Damit man nicht völlig von diesem neuen Verhalten überrascht wird, ist es sinnvoll sich gedanklich mit dem Thema vor dem Beginn der Phase zu beschäftigen. Immerhin macht man seinen Garten auch vor dem Einbruch des Winters wetterfest.

Es ist wichtig das Verhalten unserer Kinder zu verstehen. Nur so lässt sich eine gelassene Haltung einnehmen und gibt uns keinen Nährboden für eigene Zweifel am Erziehungsverhalten.

Ist der Trotz normal oder haben wir unsere Erziehung nicht im Griff?

Das Wort „Trotz“ ist an dieser Stelle eigentlich nicht ganz passend. Laut einer Definition des Duden ist der Trotz nämlich ein „hartnäckiger Widerstand gegen eine Autorität aus dem Gefühl heraus, im Recht zu sein. Das würde bedeuten, dass das Kind ganz bewusst versucht sich gegen seine Mitmenschen aufzulehnen. Dazu ist es aber zum derzeitigen Entwicklungsstand noch nicht in der Lage.


Wenn Kinder schwierig werden, beginnt für uns Eltern häufig auch die Zeit der vielen Ratschläge. Wie oft höre ich von Freunden und Bekannten, dass Eltern und Schwiegereltern nun ganz besonders viele Erziehungstipps haben und das Gefühl vermitteln, wir würden die Kinder komplett verwöhnen oder ihnen zu viel durchgehen lassen. Immer wieder wird auch deutlich gemacht, dass die eigenen Kinder sich nie so aufgeführt haben. Umso mehr verstärkt sich in uns das Gefühl, wir liegen mit unserer eigenen Erziehung komplett daneben. Nicht selten werfen Eltern ihr Konzept über Bord und versuchen nun mit Strenge und Disziplin den Schwierigkeiten Herr zu werden.


Hier muss jedoch einmal angemerkt werden, dass jedes Kind, egal auf welchem Erdteil oder in welcher Kultur es aufwächst, zu einer bestimmten Entwicklungsphase durch die sogenannte Trotzphase geht. Selbst bei Schimpansen ist dieses Verhalten zu beobachten.

Irgendeinen Sinn muss dieses Verhalten also haben, denn „die Natur toleriert nur selten Verhaltensweisen, die unnütz für die Entwicklung wären.“(Susanne Mierau, Ich! WILL! ABER! NICHT! S.13)

Kinder haben den Antrieb zum Überleben. Das bestimmt auch das Verhalten gegenüber den Eltern, denn diese müssen schließlich ihren Nachwuchs versorgen.


Was also ist dieser Trotz, der unsere Kinder so umtreibt?


In dieser Phase beginnen Kinder das erste Mal sich selbst als eigene Persönlichkeit wahrzunehmen. Sie beginnen „Ich“ zu sich selbst zu sagen und stellen fest, dass sie nicht alleine auf dieser Welt sind. Vielmehr spüren sie, dass auch andere Bedürfnisse und Wünsche haben, die befriedigt werden wollen. Sie streben nach Selbstständigkeit.

Kinder in diesem Entwicklungsschritt wollen selbstständig werden. Nicht selten wird das Wörtchen „ICH“ von „ALLEINE MACHEN!“ begleitet. Das heißt nun erkämpft sich das Kind immer weiter seinen Freiraum die Welt zu entdecken und dabei selbstständig Dinge auszuprobieren. Man spürt als Eltern deutlich, dass sie beginnen eigene Wege zu gehen. Immer intensiver werden die Spielphasen, in denen sie Rückzugsorte suchen, ohne auf unsere direkte Nähe angewiesen zu sein. Doch zeitgleich rührt sich eine große Angst im Prozess des Loslassens. Kinder sind zwischen den Gefühlen Loslösen und ganz nah bei uns sein zerrissen. Hier wird verständlich, dass die Wut manchmal wie ein Vulkan über das Kind hereinbricht. Nicht selten beginnen Kinder wieder ganz intensiv Nähe zu suchen und kuscheln sehr ausgiebig, wollen dann aber wiederum auch zeigen, was sie können und zwar allein.



„Es ist eine Phase, in der die geistige, sprachliche, seelische und soziale Entwicklung rasant vorangeht und man quasi zuschauen kann, wie aus einem Baby eine kleine Persönlichkeit wird." (Getrud Teusen, Das Trotzalter, S.18)


Gertrud Teusen hat es einmal schön formuliert, was die wesentlichen Lernprozesse der Kinder in der Autonomiephase sind:


Kinder wollen lernen

Mut haben und Angst zulassen,

sich gehen lassen und zurückkommen dürfen,

sich abgrenzen und sich öffnen,

sich durchsetzten und nachgeben,

reden und zuhören.“

All das sind wichtige Eckpfeiler für eine gesunde Entwicklung. Hier zeigt sich, wie intensiv das dritte Lebensjahr dem Lernen der sozialen Komponenten zugewiesen ist und dieser Prozess kein einfacher für das Kind und uns Erwachsenen ist.

In unserer neuen Artikelserie zum Trotzen wollen wir euch viele interessante Details und praktische Ideen aufzeigen, wie man als Eltern gelassener reagieren kann und sich in die Lage des Kindes hineinversetzten kann.

Gerne könnt ihr uns bei Fragen, Anregungen oder Ideen aus eurer eigenen Erfahrung eine Nachricht schreiben und wir versuchen diese mit einzubinden.


Viel Spaß beim Lesen!

Literartur: 
Susanne Mierau, Ich! Will! Aber! Nicht!: Die Trotzphase verstehen und gelassen meistern, GU Verlag, 2017.

Gertrud Teusen, Das Trotzalter: Rat für Eltern in der schwierigen Zeit, Ravensburger Verlag, 1999.

Monika Kiel-Hinrichsen, Warum Kinder Trotzen, Urachhaus Verlag, 6. Auflage, 2013.

Duden: https://www.duden.de/suchen/dudenonline/trotz


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