Suche
  • Maren

Klare Ansagen oder Entscheidungsfreiheit? Was brauchen kleine Kinder?

Im letzten Sommerurlaub an der Ostsee stand ich vor einem Postkartenstand und habe mir überlegt, welche aus den 100 Karten mir zusagten, um an meine liebsten Freunde und Familienmitglieder gesendet zu werden. Da gesellte sich eine Mama mit ihren zwei Kindern im Bollerwagen hinzu. Sie hatten ein ähnliches Ansinnen wie ich. Während ich permanent am überlegen war, für wen die Karte passte und wie viele ich schon hatte, begann nun die Mutter neben mir ihre Kinder zu fragen: "Anton, welche Karte möchtest du für Tante Susi?, Die mit dem Schiff oder eine andere?" "Die mit dem Schiff!". Die Mama entdeckte aber noch mehr und fragte wieder: "Anton, aber die mit dem Leuchttum oder der Möwe ist doch schön. Schau mal, hier ist noch eine mit einem Buddeleimer, also welche nehmen wir für Tante Susi?" Inzwischen hatte Anton glaube ich abgeschalten und war der Meinung, es ist doch egal, welche Karte wir nehmen. Die Mama wurde immer genervter und letztendlich gingen sie unverrichterer Dinge ohne Karte davon.



Diese Szenerie erleben wir heutzutage ständig. Auch ich ertappe mich häufig dabei, dass ich meine Kinder zu allem möglichen frage. "Was möchtest du jetzt machen? Möchtest du was essen?, Möchtest du rausgehen?,...?"


Im Gespräch mit Freunden kamen wir immer wieder auf das Thema: "Ab wann brauchen Kinder Entscheidungsfreiheiten?", zu sprechen. Viele sind der Meinung, dass man Kinder früh mit der Entscheidungsfreiheit konfrontrieren sollte, damit sie es später leichter haben schnell eine Entscheidung zu treffen. Viele der Mamis und auch ich haben nämlich das Gefühl, dass wir einfach keine Entscheidungen treffen können und deswegen bei manchen Themen nie so richtig vorwärts kommen. Das wiederum solle daran liegen, dass unsere Eltern uns kaum Entscheidungen haben selbst treffen lassen, sondern klar vorgegeben haben, was als nächstes passiert. Und damit es unsere Kinder einmal besser haben und zu entscheidungsstarken Menschen werden, fangen wir früh an, sie nach ihrer Meinung zu fragen.




Klingt erst einmal logisch. Es hat aber einen Haken.


Kleinkinder sind noch gar nicht in der Lage abzuwägen, was nun das Richtige für sie ist. In einer Studie weißt Anna Jean Ayres nach, dass Kinder "erst im Alter von sieben Jahren höhrere intelektuelle Fähigkeiten entwicklen."


Wenn wir Kinder ständig nach ihrer Meinung fragen und von ihnen durchdachte Entscheidungen erwarten, hieven wir sie in eine partnerschaftliche Position, derer sie noch gar nicht gewachsen sind. Sie geraten in Stress und werden unruhig, nervös und oftmals kompliziert. Wir Eltern ärgern uns, dass unser Kind nie weiß, was es will. Das kann es tatsächlich noch gar nicht wissen.

"Es stimmt, um gute Entscheidungen treffen zu können, braucht es Erfahrung, und um Erfahrung zu sammeln, braucht es viel Zeit und viele Durchläufe."(vgl. Winterhoff 2019, S. 44)




Zu Beginn sind wir als Eltern das Geländer und geben die Richtung vor. Es entlastet Kinder, wenn sie wissen woran sie sind. Wir haben den Weitblick und die Erfahrung, die uns sagt, ob es gerade das richtige Wetter für dünne Kleidchen oder eher die Regensachen ist. Wir wissen, ob das Kind müde, hungrig oder gestresst ist. Diese Gefühle können sie erst im zunehmenden Altern zuordnen. In der Hinsicht, entspannt es den Alltag, wenn wir als Eltern von der vielen Fragerei wegkommen und hin zu klaren Ansagen gehen.

Mit der Trotzphase im Alter ab 2,5 Jahren beginnt auch das Bedürfnis nach mehr Freiraum und Selbstständigkeit. Auch das Bedürfnis eigene Entscheidungen zu treffen wird wacher. Jedoch kann man den Freiraum langsam erarbeiten, indem das Kind zu Beginn zum Beispiel zwischen dem roten oder blauen Becher wählen kann oder dem Schokoriegel oder dem Bonbon.


Wie ist das nun mit uns Erwachsenen und den Entscheidungen?


Haben wir wirklich ein Defizit aus unserer Erziehung heraus und können einfach keine Entscheidungen treffen?

Wahrscheinlich nicht. Vielmehr vermuten Experten, haben wir einfach unzählige Entscheidungsmöglichkeiten, die unser Gehirn überfordern. Denken wir ein paar Jahre zurück, an unsere Großelterngeneration, lässt sich nur schwer vorstellen, dass diese ähnlich entscheidungsunfreudig waren, wie wir es heute sind. Das liegt schlicht daran, dass sie gar nicht so viele Wahlmöglichkeiten hatten. Spätestens mit Einzug des Internets gelangen wir an eine derartige Flut von Informationen, dass sie bei vielen zu Handlungsunfähigkeit führt. Zu jedem Produkt, was wir kaufen wollen, kann man sich wochenlang informieren und recherchieren. Aber man wird trotzdem nie das Gefühl bekommen, dass alles perfekt ist und man keinen Fehler machen würde.


Vor ein paar Monaten bin ich auf den fantastischen Autoren Anthony Robbins gestoßen. Er ist einer der größten Motivationscoachs in den USA und vermittelt Grundlagen im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung. Seiner Ansicht nach gestalten wir in den Augenblicken unser Schicksal, in denen wir Entscheidungen treffen. Jede noch so kleine Entscheidung legt die Richtung fest, in die unser Leben gehen wird.

Er fordert dazu auf, ständig Entscheidungen mit Umsicht zu treffen, sich zu üben und nicht ewig zu überlegen, ob man einen Fehler machen könnte. Wir werden Fehler machen. Viele sogar, aber aus jedem Fehler werden wir lernen und klügere Entscheidungen treffen. Wenn man einmal damit beginnt, Entscheidungen nicht mehr auszuweichen sondern bewusst zu treffen, merkt man wie man plötzlich das eigene Leben viel intensiver in die Hand nimmt, stärker auf das innere Gefühl hört und bewusster bei sich ist.


Eine tolle Übung mit einem riesigen Resulat. Ich habe es selbst ausprobiert und merke, wie leicht es mir inzwischen fällt Entscheidungen zu treffen und das ewige Grübeln in den Hintergrund getreten ist.

Ich habe mir vorgenommen, meine Kinder langsam an die Entscheidungsfreiheit heranzuführen und wenn sie groß genug sind, ihnen das Prinzip beizubringen, sich im Entscheiden zu üben.


Quellen:
Anna Jean Ayres: Bausteine der kindlichen Entwicklung. Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes, 4. Auflage, Berlin 2002

Michael Winterhoff: Die Wiederentdeckung der Kindheit. Wie wir unsere Kinder glücklich und lebenstüchtig machen, 5. Auflage, Gütersloher Verlagshaus, 2019



0 Ansichten