Die Meilensteine der Bewegungsentwicklung

Wie die Bewegungsentwicklung die Persönlichkeit formt

Hüpfen, klettern, springen - Kinder sind in ständiger Bewegung. Manchmal sind sie so schnell unterwegs, dass man als Eltern ganz schön aufpassen muss, hinterher zu kommen.

Spätestens ab dem Laufalter ist nichts mehr sicher. Permanent wird geklettert und die Höhen werden immer waghalsiger. Da kann es schon mal passieren, dass man seinen Nachwuchs plötzlich stehend auf einem Kindertisch wiederfindet oder die ersten Stufen der Treppe erklimmend, wenn man einen kurzen Augenblick abgelenkt war.

Dies ist eine Phase, die uns Eltern viel Nerven und Aufmerksamkeit abfordert, sowie ein gutes Gespür für eine kindersichere Umgebung. Die Kleinen probieren alles aus. Keine Treppe, kein Stuhl ist mehr sicher. Hier zeigt sich der intensive Bewegungsdrang, den Kinder von Geburt an in sich tragen. Er bringt sie im Laufe des ersten und zweiten Lebensjahres Schritt für Schritt dem Ziel näher, aufrecht zu gehen.


Wie kann ich die Kinder in ihrem Bewegungsdrang unterstützen?


Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen kleinen Blick in die Bewegungsentwicklung im ersten Lebensjahr werfen. Denn dann erkennt man, dass der Fortbewegungsdrang einen Meilenstein in der Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Kindes bedeutet.

Genau wie die Experimentierfreude ist auch der Bewegungstrieb angeboren.

Nach den ersten Wochen des Ankommens und Zurechtfindens im Leben beginnt das Baby den Kopf zu drehen und interessante Gegenstände mit Blicken zu verfolgen. In den darauffolgenden Monaten nimmt es an Kraft zu und dreht sich erst auf die Seite, später auf den Bauch. Danach gelangt es über das Robben und Krabbeln zum Sitzen und schlussendlich zum freien Stehen und Gehen. Dies nimmt unheimlich viel Zeit und Energie in Anspruch, aber das Kind ist mit Freude und Stolz dabei.


In der Regel durchläuft jedes Kind Schritt für Schritt fast 15 Stationen bis es frei gehen kann. Einzelne Stationen können dabei monatelang ausgeführt werden. Jedes Baby benötigt dafür ganz unterschiedlich viel Zeit. Das hängt damit zusammen, dass bei jeder Etappe die Muskulatur des Rumpfes, der Beine, Arme und Füße trainiert werden müssen. Je nach Veranlagung braucht das eine Kind länger als das andere. Daher sind die Kleinen in ihrer Entwicklung kaum miteinander vergleichbar.


Was ist, wenn mich Leute darauf ansprechen, warum mein Kind noch nicht so weit wie andere ist?


Zuerst einmal, müssen wir uns von dem Drang befreien, unseren Zögling mit der Entwicklung anderer Kinder von Freunden oder Verwandten zu vergleichen. Denn das führt unweigerlich dazu, dass wir unruhig werden und unser Kind daraufhin in eine Position drängen wollen, für die es noch nicht stark genug ist.

Tatsächlich leben wir heute in einer Zeit, in der wir uns sehr schnell mit anderen vergleichen.

Welche Mama kennt den Satz nicht: „Mein Kind läuft schon mit 9 Monaten!“. Sofort fühlt man sich schlecht und stellt ganz unbewusst die Frage: “ Habe ich etwas verpasst? Habe ich mein Kind nicht genügend gefördert?“. Und schon werden wir unruhig und beginnen mit unseren Kindern an der Hand das Laufen zu üben.

Doch leider hat das eine ganze Menge negativer Folgen. Wir nehmen unseren Kindern damit die Chance diese Schritte ganz allein zu bewältigen und zu fühlen, welch ein Stolz, eine Zufriedenheit es sein kann, etwas Neues aus eigener Kraft erreicht zu haben.


Habt ihr schon einmal den Stolz in den Augen eurer Kinder gesehen, wenn sie alleine aufs Sofa oder auf einen Stuhl geklettert sind oder einfach die ersten zwei Schritte ohne Stütze geschafft haben? Das sind Augenblicke, die für die Kleinen von unschätzbarem Wert sind und für uns Mamas das größte Glück!

Wie gelingt es mir, mein Kind dort zu unterstützen, wo es Hilfe braucht und es in seinem Bestreben nach Selbständigkeit und freier Entfaltung zu fördern?


Die Bewegungsentwicklung und das forschende Tun eines Kindes müssen wir nicht aktiv unterstützen.

Das Kind weiß zum einen selbst, wann es körperlich dazu bereit ist in die nächste Phase der Aufrichtung überzugehen - so lange wir Erwachsene es dabei nicht stören.

Greifen wir nämlich nicht in die Bewegungsentwicklung ein, können wir am Ende ein Kind sehen, welches kerzengerade und nicht zusammengesunken sitzt und einen guten und flüssigen Gang entwickelt. Dabei erwirbt es eine enorme Geschicklichkeit, welche das Verletzungsrisiko beim Klettern und Spielen stark verringert.

Zum anderen lernt unser Kind, dass es durch eigene Anstrengung ein Ziel erreichen kann. Das stärkt das Selbstbewusstsein und formt die Persönlichkeit. Nehmen wir uns ab und zu zurück und lassen das Kind auf seine Weise die Welt bewegend entdecken und untersuchen, lernt es sich mit den Dingen selbst zu beschäftigen. Wir müssen es nicht ständig bespaßen. Und was noch viel wichtiger ist, es findet seinen ganz eigenen Weg um eine Lösung für ein Problem zu finden, auf die wir vielleicht gar nicht gekommen wären.

Natürlich sind wir in der Verantwortung die Kleinen vor potentiellen Gefahren zu schützen. Wir dürfen nicht zulassen, dass ein Kind durch seinen Bewegungsdrang in eine Situation gerät, die es noch gar nicht bewältigen kann. Wir sollten also darauf acht geben, dass wir unsere Kinder auf den Spielplätzen nur Geräte bespielen lassen, die sie aus eigener Kraft schon meistern können oder die Umgebung so gestalten, dass sie sich frei entfalten und ihren Bewegungstrieb ausleben können. So werden aus kleinen Kindern selbstständige Menschen mit einer willensstarken Persönlichkeit, die Probleme als Herausforderungen sehen, um etwas Schönes oder Neues daraus zu machen.


Jedem, der sich für die Bewegungsentwicklung und dessen Auswirkung auf die Persönlichkeit interessiert, kann ich nur von ganzem Herzen das Buch von Emmi Pikler empfehlen: „ Friedliche Babys - zufriedene Mütter: Pädagogische Ratschläge einer Kinderärztin“.


Schaut gern auch einmal bei meinen Veranstaltungen vorbei. Zum Thema „Bewegungsentwicklung“ halte ich am 14.4.2020 in der VHS Chemnitz und am 7.5.2020 einen Vortrag in der VHS Leipzig. Hierbei werde ich besonders auf die einzelnen Schritte eingehen und aufzeigen, welche Situationen die Bewegung und das Spiel hemmen und wie wir als Eltern Raum schaffen können, damit unsere Kinder zu starken Persönlichkeiten werden.