Märchenpraxis

von Bärbel Bitterlich

In einer Zeit, wo es nur um äußere Dinge geht, die Sinne der Kinder ständig auf eine Flut von Bildern und Eindrücken gelenkt werden, ist es besonders wichtig, dass man als Erzieher versteht die Kinder wieder zu sich selbst zu führen. Sie müssen wieder Möglichkeiten finden eigene Bilder zu entfalten, einmal weg von vorgegebenen Bildern, Zerstreuungen und Geräuschen. Es darf einmal ganz still werden in den Seelen. Für dieses Ziel sind Märchen gute Hilfsmittel.

Leider sind Kinder in der heutigen Zeit sehr stark auf Äußeres fixiert, so dass es gar nicht einfach ist sie zur inneren Ruhe zu bringen und zum Zuhören zu bewegen.

Deshalb ist es ratsam mit den Kindern erst einen „Weg“ bis zum Märchen zu gehen. Bevor man in das „märchenhafte“ Zimmer kommt, gehen alle Kinder durch einen „goldenen Reifen“, denn das Märchenland ist nur auf diesem „Weg“ erreichbar.

Im Zimmer könnte sich eine Kerze befinden und einige kleine Dinge, die vielleicht im Märchen vorkommen (z.B. Blätter, Honig). Wenn es sich anbietet kann man ein Körbchen herum geben, in dem sich etwas Verborgenes befindet. Die Kinder dürfen fühlen, was es sein könnte, es aber nicht verraten (vielleicht ein Apfel).

Vor dem Erzählen wäre es schön, wenn man eine Klangschale benutzt oder ein anderes Instrument.

Wenn die Kinder nun etwas innere Ruhe gefunden haben, ist es gut die Phantasie anzuregen. Zum Beispiel kann man die Kinder fragen, wo sie den glaubten, dass die Märchen herkommen. Da kommen unterschiedliche Vorstellungen.

Man könnte erzählen:

„Sehr weit musste ich gehen, über sieben Berge und sieben Königreiche. Dort wo das kleine Ferkel mit dem kurzen Ringelschwänzchen in der Erde gräbt, gleich dort steht ein Baum, der ist unten so dünn wie mein Unterarm, weiter oben wie mein Oberarm und ganz oben wie mein Leib. Ganz oben in seinen Wipfeln, man kann es kaum noch sehen, hängt ein zerschlissener, roter Kittel, der hat 77 Falten und in der 77. Falte fand ich ein glitzekleines Märchenbuch. Als ich es aufschlug fand ich auf der 14. Seite dieses Märchen.“

Nach solch einer Einleitung sind die Kinder ganz gespannt und nun herrscht auch die richtige Erzählatmosphäre für ein Märchen.

Der Erzähler sollte das Märchen auswendig erzählen können. Die Kinder müssen genug Zeit beim Erzählen haben um eigene Bilder zu produzieren. Deshalb ist es auch gut, wenn man langsam erzählt.

Schön ist bei dieser Arbeit, wenn die Kinder nicht klatschen. Das zerstört diese Atmosphäre. Nach dem Märchen erklingt die Klangschale noch einmal. Anschließend verteilt man vielleicht, wenn es im Märchen um einen Apfelbaum ging einen schönen roten Apfel., oder kleine Perlen, wenn im Märchen die Perlen der Königstochter zu suchen waren.

Äpfel sollten aber keine Flecken haben. Sie müssen so richtig märchenhaft rot und appetitlich sein.

Wenn die Zusammenkunft beendet ist, gehen alle Kinder erst wieder aus dem „goldenen Reifen“ heraus, denn im Märchenland kann man nicht immer bleiben, aber man kann wiederkommen.

Es ist für die Kinder ganz entscheidend, dass sich die Atmosphäre für das Märchen erst langsam aufbaut, damit sie sich auch darin zu Recht finden. Sie spüren, dass genug Zeit vorhanden ist. Es dürfen also innere Bilder aufsteigen. Schön ist es auch, wenn nach der Märchenstunde die Schüler ihre inneren Bilder malen dürfen mit weichen Wachsmalern oder Pastellkreiden

Als Pädagoge sollte man, meines Erachtens, kein Märchen „zerpflücken“ oder die Bilder deuten, denn jedes Kind äußert da etwas ganz Eigenes. Deshalb sind es auch keine Werke, die man aushängen kann. Für den Erzähler ist es gut zu wissen, welche Symbolsprache sich in den Märchen befindet, aber für die Kinder sollte das noch keine Rolle spielen. Kinder verstehen die Märchen noch in ihrer Gesamtheit. Wichtig ist bei der Wahl der Märchen zu beachten, dass es zum Alter der Kinder passt bzw. auch zur Jahreszeit.

Auch sollten Märchen nicht zu grausam sein, denn es ist immer schwer einzuschätzen, wie das einzelne Kind reagiert.

Erstveröffentlichung unter dem Titel „Umgang mit Märchen in der Untergruppe der Jenaplan- Schule“ in Kinderleben Heft 13 Dezember 2000

 
 
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Märchen und Geschichten

von Bärbel Bitterlich

Warum sind diese so wichtig für die Heranwachsenden?

Kleine Kinder erfahren durch kleine Bildgeschichten von unserer Welt und unserem Leben. Zunächst sind es ganz kleine Erlebnisse die in einem Bilderbuch gezeigt werden, später erfahren sie von den Tieren, den Dingen die uns so nicht begegnen zum Beispiel wie Getreide angebaut wird und später Brot daraus gebacken werden kann.

Ab 4 Jahre kann man den Kindern kleine kurze Märchen erzählen. Zum Beispiel - vom dicken fetten Pfannenkuchen- oder vom- Süßen Brei- . Hier erleben die Kinder Situationen die sie so nicht kennen. Das ein Töpfchen so viel Brei herstellt, dass die ganze Stadt voll Brei ist…und nur das Kind kann das Töpfchen wieder zum stehen bringen…

Im Märchen wird mit einer Bild- oder Symbolsprache gearbeitet. Es ist eine Sprache, die eine andere Logik hat, als unsere Umgangssprache. Leider spricht man oft sehr negativ von unseren Märchen so als ob es Lügen wären… z.B. erzähl mir doch keine Märchen, oder die Politiker erzählen wieder lauter Märchen… das ist schade, denn im Grund erzählen uns die Märchen von den Lebenserfahrungen vieler Generationen. Sie berichten davon wie das Leben verläuft… So erfahren Kinder, dass es viel Mühe kostet um das Gold zu finden. Nichts kann ein Kind besser auf das Leben vorbereiten, als die Volksmärchen.

Wichtig ist nun sich zu fragen welche Märchen sind wann sinnvoll.

Weiterhin auch die Frage, wie sollen sie erzählt werden.

Auch wäre zu überlegen ob die Märchen illustriert sein sollen oder vielleicht sogar verfilmt?


Bei der Auswahl der Märchen, sollte man auf den Sprachschatz des Kindes achten, einfache und kurze Märchen sind der Anfang. Auch illustriert müssen sie nicht sein, denn so hat das Kind viel mehr Möglichkeiten sich zu überlegen wie die einzelnen Figuren im Märchen aussehen und was sie erleben. Schön ist, wenn man die Kinder ein wenig vorbereitet bevor man mit dem Märchen beginnt, so dass sie in das Märchenland eintreten können. Und wenn das Märchen zu Ende ist, kommt es oft vor, dass die Kinder “nochmal „sagen. Das darf auch sein, dann erzählt man das Märchen noch einmal, aber möglichst genauso wie beim ersten Mal. Für die Kinder muss im Anschluss vielleicht die Möglichkeit sein -selbst zu erzählen oder auf frischem Papier zu malen was sie jetzt gehört haben. Dabei ist gar nicht wichtig, ob wir was erkennen oder schön finden. Wichtig ist nur die Verarbeitung.

Manche Kinder tanzen und rennen danach und verarbeiten so das Gehörte mit dem Körper. Wenn wir Erwachsenen das wissen, können wir das gut zulassen.

Die Frage wie soll erzählt werden, am besten ist die Originalsprache der Märchen zu verwenden und entweder vorzulesen ohne theatralische Betonung oder noch besser frei zu erzählen. So können die Kinder während des Erzählens die eigene Phantasie bemühen, um die inneren Bilder entstehen zu lassen.

Illustrationen von Märchen sind daher sehr hinderlich, weil ja gerade der Illustrator seine Phantasiebilder uns anbietet und wir sie übernehmen sollen. Aber wir und auch unsere Kinder würden ohne seine Bilder völlig andere innere Bilder entstehen lassen. Zum Beispiel beim Rotkäppchen wird der Wolf immer als-so schlimm- gesehen, aber ein Kind welches die Bilder nicht kennt und das Märchen hört (ohne dramatische Betonung) wird den Wolf nur so groß werden lassen, wie es diesen auch aushält. Aus demselben Grund sind auch Märchenfilme nicht sinnvoll, zumal darin die Märchen völlig verfälscht dargestellt werden.

In einem Märchen werden viele Dinge mehrmals wiederholt, das kann man sich nicht sparen, es ist sehr wichtig die Wiederholung zu erzählen, weil es im Leben eben oft so zugeht. Die wenigsten Dinge klappen wirklich beim ersten Mal.

So nun wünsche ich Ihnen viel Freude beim Erzählen von Märchen und Geschichten für Ihre Kinder.

Bärbel Bitterlich Märchenerzählerin www.maerchen-galerie.de